Forschungsprojekt
„Von der Vergangenheit ein Lied singen können.
Chorgesang in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Tirol aus zeitgeschichtlicher, musikwissenschaftlicher und ethnologischer Perspektive“

 

Zum Projekt

Unter dem Titel „Von der Vergangenheit ein Lied singen können“ befasst sich ein laufendes Forschungsprojekt des Instituts für Volkskultur und Kulturentwicklung (ivk) mit dem Chorgesang in Nord- und Osttirol – teilweise ergänzt durch Blicke nach Südtirol – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Angestrebt ist eine vergleichende Untersuchung von bürgerlich-nationalen Chören (primär Männergesangsvereinen), Arbeiter*innen- und Kirchenchören vor dem Hintergrund der wechselnden politischen Systeme von Erster und Zweiter Republik, Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Die vielfach ins 19. Jahrhundert oder länger zurückweisenden Anfänge der Chöre werden mitgedacht.

Grundlegend für das Projekt ist die Rekonstruktion der organisatorischen Entwicklung der Chöre und ihrer Verbände. Auf diese Weise kommen die jeweiligen Handlungsmöglichkeiten und Barrieren 1934–38 und 1938–45 genauso in den Blick wie personelle und ideelle Kontinuitäten und Brüche in der Chorgeschichte der Region. Das Projekt fragt nach den Aktivitäten und Ressourcen der Chöre in städtischen und ländlichen Räumen, nach ihrem Repertoire und ihren Schnittstellen zu anderen Vereinen (z.B. Turnvereinen, Musikkapellen, Bildungsvereinen, Tanzformationen, nationalen Schutzvereinen). Von Interesse sind die jeweiligen sozialen Milieus, ideologisch-politischen Werte sowie Geschlechterbilder und -rollen, aber auch die materielle Kultur der Chöre (z.B. Mobiliar und Kleidung) und ihr Umgang mit der Vergangenheit (z.B. Gründungsnarrative). Besonderes Augenmerk gilt durchgängig der Biografie von Persönlichkeiten, die für das Chorwesen in Tirol bedeutend waren, zum Beispiel von Chorleiter*innen und Komponist*innen.

Das Projekt greift auf ein breites Quellenspektrum zurück, das neben Zeitungen, Zeitschriften, Festschriften und Publikationen vor allem Archivquellen umfasst, nicht zuletzt aus eigenen Beständen der Chöre. Dabei kooperiert das Projekt mit dem Chorverband Tirol (vormals Tiroler Sängerbund) sowie mit Chorleiter*innen, Vereinsobleuten, Pfarren und Chronist*innen in den Gemeinden. Auch Zeitzeug*innen werden befragt. In der Interpretation und Analyse der Quellen werden Perspektiven von Musikwissenschaft, Zeitgeschichte und Europäischer Ethnologie kombiniert und miteinander ins Gespräch gebracht. Ziel des Projektes ist es, zu den angeschnittenen Fragestellungen eine materialgesättigte differenzierte Darstellung vorzulegen und in einem Abschlussbericht einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die von Andrea Sommerauer durchgeführten Forschungen zu Nordtirol sind zugleich ihr Dissertationsprojekt; für Forschungen in/über den Bezirk Lienz (Osttirol) – 1938-45 ein Teil des Gaues Kärnten – zeichnet Reinhard Bodner verantwortlich.

Das Projektteam freut sich auf Hinweise aller Art, etwa zu interessanten Quellenbeständen oder Gesprächspartner*innen. Hilfreich sind Originaldokumente aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie Fotos, Audioaufnahmen, Schriftverkehr, Chroniken, Kassa- und Protokollbücher, Urkunden, Medaillen, Pokale, Notenmaterial, Inventar- und Mitgliederlisten etc.

 

Laufzeit
Februar 2022 – Juli 2023


Fördergeber
Land Tirol, Abteilung Kultur, Förderschwerpunkt Erinnerungskultur; Stadtgemeinde Innsbruck, Diözese Innsbruck, Stadtgemeinde Hall in Tirol, Renner Institut Tirol, Universität Mozarteum Salzburg

Projektleitung

Ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Nußbaumer, Universität Mozarteum Salzburg, Department für Musikwissenschaft, Fachbereich Musikalische Ethnologie, Innsbruck

Projektmitarbeiter*innen

Mag.a Andrea Sommerauer
Tel.: 0680 9393632, E-Mail: 
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Zeithistorikerin, Journalistin und in Bildungsprojekten tätig; zuletzt u.a. Mitarbeit an Forschungsprojekten zum Umgang mit der NS-Euthanasie in Tirol (2012–15) sowie zum Nordtiroler Blasmusikwesen 1933–50 (2018–21).

Dr. Reinhard Bodner
Tel.: 0650 8516794, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Europäischer Ethnologe; jüngste Forschungsprojekte zur Trachtenerneuerung vor/während/nach der NS-Zeit (2014–19) und zur Wissens- und Sammlungsgeschichte von Kleidung im nördlichen Niederösterreich (2020–22).

 

Kontakt
Institut für Volkskultur und Kulturentwicklung (ivk)

Conradstraße 6
A–6020 Innsbruck